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Nach der Rente geht es an die Arbeit

Westfälische Rundschau

Nach der Rente gehtes an die Arbeit

Fast jeder zehnte Rentner in NRW zwischen 65 und 68 Jahren und fast jeder Sechste zwischen 68 und 70 Jahren geht weiter arbeiten. Der eine, weil er muss. Der andere, weil er will.

Drei Beispiele aus Dortmund.

Dr. Jürgen Bagner ist am Mittwoch in Dortmund 70 Jahre alt geworden und hat seinen Platz an Pult und Tafel erst im März geräumt. Das heißt: Eigentlich ist er natürlich seit 2006 im Ruhestand. Nach einem Jahr ist er zurück ans Dorstfelder Gymnasium – „weil man mich brauchte“. Das, sagt der Oberstudienrat, tut gut – auch wenn er sich anfänglich gefragt hätte, ob die Schüler „den alten Mann“ wohl akzeptieren würden. „Es hat geklappt“, lacht er. Sechs, acht Wochenstunden Vertretungsunterricht in Erdkunde – das waren Spaß, Struktur „und das Geld spielte auch eine Rolle“. Für die Extras, wie jetzt die USA-Reise. Außerdem: „Sechs Stunden belasten einen ja nicht so sehr. Man ist raus aus dem Alltagstrott.“ Jetzt ist der Geldtopf mit den Vertretungspauschalen ausgeschöpft und Bagner auf dem Altenteil. Schade, sagt er und schätzt: „Einen 70-Jährigen holen, da hätte die Schulleitung vielleicht Skrupel“. Trotzdem: „Ich würd’s wieder tun!“

 Erika F. geht nicht putzen, weil es ihr großen Spaß macht. Sondern weil sie mit den paar Kröten nicht auskommt. Vor ihren Bekannten ist es ihr fast peinlich, dass sie „mit 69 noch auf den Knien rumrutschen“ muss. Mit dem Lappen in den altersfleckigen Händen wischt sie aber auch die Angst weg: Bloß „kein Sozialfall“ werden!

Hüftschaden und Weiterfahren

Klaus Holzhauer (63), der als Subunternehmer Wände geschleppt hat, bis es nicht mehr ging, also bis zur neuen Hüfte mit 61, sitzt heute wieder hinterm Lenkrad. Er hat einen Job als Fahrer. Zehn Tage im Monat, 350 Kilometer pro Tour, 400 Euro aufs Konto. Und: Abwechslung, Kontakte, ein erweiterter Horizont. „Ich arbeite, seit ich 14 bin“, sagt er. Und hätte (er ist mit Abschlägen in die Rente gegangen, „es ging nicht mehr“) plötzlich gemerkt, dass der Tag 24 Stunden habe. „Wenn man in Rente ist, steht man neben dem Leben“, sagt er – und ist wieder eingestiegen. Auch aus einem zweiten Grund: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich bräuchte das Geld nicht“. Ohne den Zuverdienst seiner Frau würde es sonst eng. „Man erschreckt sich, wenn man seinen Bescheid bekommt. Auch Freizeit kostet Geld“.

„Einstweilig nicht im Ruhestand“: In dieser Studie über Hintergründe von Erwerbsarbeit jenseits der Altersgrenze beleuchten auch Alexander Graetz, Sven Kathöfer und Klaus Kock von der Sozialforschungsstelle Dortmund die Motive der Menschen jenseits der 65, sich weiterhin einen Job zu suchen. „Wir haben sehr unterschiedliche Menschen befragt“, sagt Klaus Kock, „von der Putzfrau bis zum Professor“.

Ähnlich breit ist die Spannbreite der Begründungen. Für viele spielt die Zeitstrukturierung eine Rolle, andere wollen ihren Status bestätigen, suchen ihre persönliche Identität. „Der Unterschied“, sagt Bagner, „ist der Grad der Freiheit. Ich muss ja nicht“. Das ist bei Erika F. anders. Sie schrappt mit dem monatlichen Alterseinkommen knapp an der Armutsgrenze vorbei. Der Minijob hilft, einigermaßen sauber über die Runden zu kommen. Oder ermöglicht wie bei Klaus Holzhauer das ein oder andere kleine Extra. Eine Kinokarte, mal Essen gehen. Weiter im Leben stehen eben. Oder auch einfach überleben.

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